Zu Gast im Atrium des Walter-Gropius-Gymnasiums war am vergangenen Montag der Jugendbuchautor Dirk Reinhardt. Sechs Romane hat er inzwischen verfasst, vorgestellt hat er an diesem Abend sein aktuelles Werk „Perfect Storm“.
„Wir sind total gespannt auf Herrn Reinhardt. Vor zwei Jahren war er schon mal in Selb und hat für uns gelesen und vor allem viel über die Hintergründe zum Buch „Train Kids“ erzählt“, so eine Elftklässlerin, die zusammen mit ihren Freunden im Publikum sitzt.

Und auch an diesem Abend stehen die Hintergründe zur Entstehung des Buches – diesmal geht es um Hacktivisten und das Dark Net – im Vordergrund.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet eine kleine Performance, denn die Auszüge, die Dirk Reinhardt liest und die Erklärungen, die er liefert, werden durch die Gitarrenklänge von Jeroen Sigl untermalt. Er geht in die 11. Klasse am WGG und ist Preisträger bei Jugend musiziert. Ausgewählt hat er die Stücke – eine Fuge von Bach und spanische Klänge – in Absprache mit dem Autor.

An Schicksalen Anteil nehmen
Gleich das erste Musikstück schafft eine konzentrierte Atmosphäre. Danach ist das Publikum „angekommen“. In seiner Begrüßung merkt man StD Wolfgang Eschenbeck an, wie sehr er sich freut, dass das WGG Reinhardt wieder für eine Lesung gewinnen konnte. „Mit seinen Werken schafft er es, junge Leute zur Literatur zu bringen. Er schreibt packende Romane, die gerade bei Schülerinnen und Schülern besonders gut ankommen“, so Eschenbeck.
Der Weg in die Hackerszene
Zur Entstehungsgeschichte seines aktuellen Werks, für das er über ein Jahr lang recherchiert hat, merkt Reinhardt an, dass es eigentlich die Frage eines Zuhörers bei einer Lesung war, die ihn zu „Perfect Storm“ gebracht hat. So kam er auf die Idee, sich mit der Hackerszene zu beschäftigen; zunächst mit Leuten, die das legal tun, dann aber begann die Suche nach Hackern, die halb legal oder illegal agieren. Schließlich sei es ihm sogar gelungen, Kontakt zu den sogenannten Black Hat Hackers zu bekommen, also derjenigen Gruppe unter den Hackern, die Sicherheitslücken bewusst ausnutzt, um Schaden anzurichten. Komplett anonym seien die Kontakte gewesen, niemals habe es eine face-to-face-Begegnung gegeben, so Reinhardt. Insbesondere der Zugang zu ihren Foren sei für ihn wichtig gewesen, um ihre Sprache und ihr Lebensgefühl kennenzulernen.
Helden oder Verräter?
Es folgt ein erster Auszug aus dem Roman „Perfect Storm“: Im Prolog, bei dem von einem mysteriösen Ich-Erzähler angekündigt wird, dass sechs Leute etwas Ungesetzliches tun werden, gehe es darum, Spannung zu wecken, erläutert Reinhardt. Seine fein modulierte Vorlesestimme unterscheidet sich deutlich von seiner Erzähltonlage. Gebannt hört das Publikum zu, als der Protagonist zugibt, dass er in eine Geschichte hineingeraten ist, die viel zu groß für ihn ist.
Sechs junge HackerInnen zwischen 15 und 16 stehen im Mittelpunkt des Geschehens; sie kommen aus unterschiedlichen Teilen der Welt: Dylan aus San Francisco, wo auch die reale Hacktivismus-Szene entstanden ist; Luisa aus Kolumbien, Felix aus Berlin, Boubacar aus dem Kongo, Kyoko aus Tokio, Matthew aus Bayron Bay in Australien. Alle haben kein leichtes Schicksal: Dylan ist auf der Flucht vor seinem Vater, der mit der Trennung von der Familie nicht zurechtkommt, Luisa muss bei ihren Großeltern aufwachsen, weil sich ihre Eltern gegen sie entschieden haben, Felix kann aufgrund seines Asperger-Syndroms nur schwer mit anderen Menschen kommunizieren, Boubacar musste die Hinrichtung seines Vaters im Bürgerkrieg mit ansehen, Kyoko bricht unter dem Erwartungsdruck ihrer Eltern zusammen und verlässt ihr Zimmer nicht mehr, Matthew ist nach einem Surfunfall querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Für sie alle ist das Internet so wichtig geworden: Sie finden Freunde im Internet, merken, dass im Netz Defizite keine Rolle spielen, entdecken eine neue Welt. Trotz ihrer völlig unterschiedlichen Charaktere teilen sie eine gemeinsame Leidenschaft, bei einem Fantasy-Rollenspiel lernen sie sich kennen, bilden dort eine Gilde und sind aufgrund ihrer Fähigkeiten sehr erfolgreich. Es folgt die Einrichtung eines Chatrooms im Darknet, der zunächst von den sechs Jugendlichen genutzt wird, um Strategien fürs Spiel abzusprechen, mit der Zeit wird der Ton aber persönlicher. Die zweite Vorlesestelle, die Reinhardt ausgewählt hat, spiegelt die Diskussion der Jugendlichen wider, wie weit sie gehen sollen, um etwas gegen die ausbeuterischen Arbeitsmethoden in Boubacars Heimat zu unternehmen. Nach einigem Zögern entschließen sie sich, die Probleme der Welt auf digitale Weise zu lösen… Immer tiefer dringen die Jugendlichen in die Verwicklungen zweier großer US-Konzerne in das Kriegsgeschehen ein und finden schließlich Beweise für Menschenrechtsverletzungen. Nach der Veröffentlichung auf WikiLeaks bricht ein Shitstorm über den Konzern los, daher auch der titelgebende Begriff „Perfect Storm“, erklärt Reinhardt. Er verrät noch, dass die NSA eingeschaltet wird, die die Jugendlichen schließlich auch findet…
Fürs Lesen begeistern
Den Fragen aus dem Publikum merkt man an, dass die Zuhörerschaft mit in die Hackerszene eingetaucht ist. Er habe versucht, bei den Hacktivisten Idealtypen abzubilden, die aus einer Mischung aus Realität und Fiktion entstanden sind, erklärt der Jugendbuchautor. Wichtig seien für ihn Themen, über die man spannend schreiben kann, die aber auch einen starken Bezug zur Realität aufweisen und Konflikte zwischen Recht und Moral thematisieren. Auch sein nächster Roman, der voraussichtlich Anfang Juli erscheinen wird, behandelt einen Gewissenszwiespalt; „No alternative“ erzählt von einer radikalen Umweltschutzorganisation in Frankfurt und der Frage, welche Mittel erlaubt sind, um die Welt zu retten.
Zur Jugendliteratur sei er durch seinen Sohn gekommen, bei dem er gemerkt hat, dass Geschichten so wichtig für die Entwicklung sind. „Da bleibt was hängen, da kann man viel erreichen.“
OStRin Silke Sachs

