Und wenn man denkt, es gibt nichts mehr, kommt ein P-Seminar mit einer neuen Idee daher. Zugegeben, etwas sehr flapsig formuliert, aber auf den Gedanken, sich zu überlegen, wie sich Heimat anhört, muss man schließlich erst einmal kommen. Genau das war der Grundgedanke des P-Seminars am WGG Selb mit dem Leitfach Musik unter Leitung von Musiklehrer Florian Niedrig, das die Ergebnisse seiner Arbeit am 21.6. im Atrium des Gymnasiums vorstellte. Nicht unter dem Titel „My hometown“, der ist für Bruce Springsteen reserviert, sondern mit „Hallo Hometown“ präsentierten die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler ihre Vorstellungen von Heimat, die sie im Verlauf eines Schuljahrs selbst in Worte und Melodien gegossen hatten. Mit ihnen stellte auch das P-Seminar Biologie unter Leitung von Christine Schwemmer die Ergebnisse seiner Arbeit zum Thema „regional und saisonal“ vor, in Kombination ergab sich daraus ein Leckerbissen, der sich sowohl hören als auch schmecken lassen konnte.
Unter den Besucherinnen und Besuchern im gut besetzten Atrium der Schule waren auch Landrat Peter Berek mit seiner Gattin, Selbs Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch, Dr. Bernd Freiherr von Chiari, der Vorsitzende des Vereins der Freunde des WGG, und Angelika Bachmann-Jung, die dem Vorstand des Vereins „Zuflucht Selb“ angehört. An diesen Verein, der sich um die alltäglichen Belange und die Integration von Geflüchteten kümmert, gehen die Spenden, die an diesem Abend gesammelt wurden – und er ist das Bindeglied zum Thema des Seminars, denn ein Heimatgefühl zu entwickeln, wenn man weit weg vom Ort seiner Geburt ist, das ist nicht einfach. Doch ist „Heimat“ immer an einen konkreten Ort gebunden? Was beinhaltet der Begriff eigentlich? Eine eindeutige oder einheitliche Antwort konnten und wollten die Schülerinnen und Schüler aus dem Seminar nicht geben, dazu ist der Begriff mit zu vielen individuellen Eindrücken verknüpft. In einem kurzen Video und einem Booklet stellten sie die Entwicklung ihrer Ideen, schon dadurch ließ sich erkennen, was alles „Heimat“ sein kann, wenn man länger darüber nachdenkt. Für Tuana Askin ist Heimat ein Platz zwischen Himmel und Erde, ihr Song trug auch deshalb den Titel „Between the heavens and embers“. Mariia Golovko stammt aus der Ukraine, musste flüchten und hat sich in Selb eingelebt, „My new hometown“, sang sie entsprechend. Im Punkrock haben mehrere Schülerinnen ihre Heimat gefunden, sie gründeten im Verlauf des Seminars die Band „Substanzlos“ und machten mit „Punkrockhymnen Wiederstand“ deutlich, dass Heimat nicht automatisch Anpassung an die Mitmenschen und geltende Normen bedeuten muss.
Viele Eindrücke schon nach drei Songs, die mussten erst einmal verarbeitet werden. Daher folgte eine Pause, in der alle Gäste nicht nur ins Gespräch kommen konnten, sondern auch die Informationen betrachteten, die das P-Seminar Biologie ausgestellt hatte – und sie durften probieren, welche Leckereien die heimatliche Küche zu bieten hat: regional hergestellt wurden Bayernburger, Obazda-Pralinen oder auch Weißwurstkreationen serviert, ebenso Getränke von lokalen Brauereien. Auch dieser Aspekt der Heimat ist vielfältig, das wurde deutlich. Nach einer halben Stunde ging es dann auf der Bühne weiter. Für Lucie Schlosser, Eva Rogler und Sarah Rausch liegt Heimat in der Vergangenheit, sie blickten mit „Kinderaugen“ auf die Dinge, die früher so selbstverständlich waren und die man nicht vergessen sollte. Jeroen Sigl ist der Weg aus seiner alten Heimat Portugal nach Oberfranken in Erinnerung geblieben, er komponierte ein Gitarrenstück dazu, „O caminho ao novo“ präsentierte er zusammen mit Lehrerin Stephanie Schicker und gab, da es ganz ohne Text auskam, jedem Zuhörer die Möglichkeit, selbst einen solchen Weg in Gedanken zurückzulegen. Und was steht am Ende dieses Weges? Ist man dann angekommen und hat seine Heimat gefunden? Oder waren manche Dinge früher doch besser? „Wondering (what went wrong)“ von Sophie Stöhr und Gabriela Velez Rodriguez (die übrigens auch Tuana Askins Lieg sang) beschreibt genau diesen Zwiespalt. Und das genaue Gegenteil stellte Asli Ziegler mit „The One I call Home“ vor: ihre Heimat ist kein Ort, sondern die Zusammenfassung aller Hilfe, die sie erfährt, in einem Charakter, der für sie da ist.
Zum Schluss versammelten sich alle Beteiligten aus den beiden P-Seminaren auf der Bühne, um sich ihren mehr als verdienten Applaus und sogar „Standing Ovations“ für die Leistungen während des ganzen Jahres und dieses Abends abzuholen.
Das ist die einigermaßen nüchterne Zusammenfassung eines Abends, den man eigentlich direkt miterlebt haben muss, um zu verstehen, was dieses Seminar für die Schülerinnen und Schüler bedeutet hat. Bei verschiedenen Schulveranstaltungen standen schon einige von ihnen vor einer großen Zuhörerschaft, aber bei diesen Anlässen wurden Stücke von anderen Künstlern präsentiert. Hier produzierten sie ihre eigene Musik mit eigenen Texten und Melodien und entwickelten das Selbstvertrauen und auch die Überzeugung, sie vorzutragen. Sie haben in der Musik ihre Heimat gefunden – ob als Künstlerinnen und Künstler vor oder hinter den Kulissen bei der Vorbereitung und Durchführung eines großen Events – und wer ihr Konzert verpasst hat, der hat Glück: auf Instagram gibt es unter dem Account hallo.hometown viele Informationen rund um das Seminar, Tonspuren und Videos. Die entstandenen Lieder können unter folgendem Link angehört werden: https://drive.google.com/drive/mobile/folders/1ywJjByrg29MD2q2Tvx4zaPNia7aQSR7C?usp=drive_link.
OStR Jens König

