Wirft man einen Blick in den Deutsch-Lehrplan des G9, wird schnell klar: Hier werden neue Wege beschritten. Begriffe und Fachtermini wie Verstehensentwurf, Kernaussage, Deutungshypothese sowie aspektorientiertes oder textbasiertes Argumentieren wollen erfasst und im Unterricht umgesetzt werden. Eine weitere Änderung: Für das Fach Deutsch sind in Mittel- und Oberstufe nur noch drei Wochenstunden vorgesehen.
Anlass genug also für das Regio-Team Oberfranken unter Leitung von StDin Britta Donnerbauer, zu einer Lehrerfortbildung „Schreiben 3.0 – ein Weg durch den Dschungel der neuen Schreibformen“ einzuladen. Nach dem Impulsvortrag der Fachreferentin für Deutsch im Bezirk Oberfranken folgten Referate und Workshops zu den wichtigsten Schreibformen, die unseren Lernenden ab der Mittelstufe – und im kommenden Schuljahr 2023/24 erstmals auch in Klasse 11 – begegnen.

Informieren über literarische Texte in den Jahrgangsstufen 7 bis 13
Während bisher bei der Analyse eines Gedichts oder einer Kurzgeschichte die Interpretation am Ende des Hauptteils erfolgte, verfassen die Schülerinnen und Schüler nun bereits in der Einleitung eine Deutungshypothese. Sie liefert die Antwort auf die Frage: Was will mir der Text sagen? Auf diese Weise ist eine individuelle Sichtweise auf das Werk möglich. Für die Umsetzung in großen Leistungserhebungen bedeutet das auch:
- In der Beweisführung beschränkt man sich auf das, was zur eigenen Deutungshypothese passt.
- Eine längere Vorarbeit ist nötig: Ein Losschreiben ohne gründliche Auseinandersetzung mit der Textgrundlage kann so vermieden werden, da die Planungsarbeit nun eine entscheidende Rolle spielt.
- Um die Jugendlichen allmählich an eine eigene Deutungshypothese heranzuführen, werden die von der Lehrkraft gegebenen Hilfestellungen kontinuierlich reduziert.
Ein ähnliches Vorgehen ist bei Sachtexten gegeben: Statt einer Deutungshypothese spricht man hier vom sogenannten Verstehensentwurf; neu ist auch, dass sich die Lernenden nun mit den IntentionEN des Textes auseinandersetzen, also nicht mehr auf eine Absicht beschränkt sind.
Nun sag, wie hast du’s mit dem Argumentieren?
Dr. Priemer-Biedermann, Lehrbeauftragter für Schreibdidaktik an der Universität Bayreuth, betonte in seinem Vortrag zunächst den lebenspraktischen Bezug beim Argumentieren.
Auch diese Schreibform erlebt im neuen G9-Lehrplan eine deutliche Ausdifferenzierung: Ab Klasse 9 setzen sich die Schülerinnen nach Wissenschaftsgebieten – das kann beispielsweise Jura, Pädagogik oder Philosophie sein – mit einem Erörterungsthema auseinander.
Wie äußert sich diese Neuerung in der Aufgabenstellung?
Künftig heißt es also nicht mehr „Erörtere die Vor- und Nachteile von KI in der Schule!“ sondern „Erörtere nach Sachgebieten die Nutzung von KI in der Schule!“
Ab Klasse 11 erweitert sich diese Schreibform zum aspektorientierten Argumentieren, um der Diversität von Argumenten Rechnung zu tragen. Dies verlangt auch einen komplexen Schreibprozess, der sich aus den Bausteinen Planung-Materialbezug-Überarbeitung-Reflexion zusammensetzt.
„Schreib’s doch einfach in eigenen Worten“ – Materialgestütztes Schreiben
Der Referent Frank Hoyer, Deutschlehrer an einem Bayreuther Gymnasium, wies anschließend zunächst auf die vielfältigen Bedeutungen des Informierens hin: Es beinhaltet berichten, definieren, vergleichen, erklären, zusammenfassen…
Ziel ist es, einen komplexen Text zu verfassen, der das gegebene Material nicht einfach übernimmt. Stattdessen sollen die Jugendlichen auch ihr Weltwissen einbauen und konsequent die Schreibinteraktion im Auge behalten. Ein durchgehender Adressatenbezug, der den Leser immer wieder anspricht, ist also nötig. Die sprachlichen Anforderungen zielen auf den Einbau von Fachtermini, die Darstellung von inhaltlichen Zusammenhängen und ein angemessenes Einbetten des gegebenen Materials ab. Am Ende der Fortbildung waren sich die 33 Lehrkräfte aus den oberfränkischen Gymnasien einig: „Es kommen viele Neuerungen auf uns zu; der Dschungel der Schreibformen ist aber nicht undurchdringlich.“
OStRin Silke Sachs
